News im April
"Die Fähigkeit zu trauern" – Polen nach der Katastrophe
In diesen für Polen so tragischen Tagen wird etwas sichbar, was normalerweise nur in Sonntagsreden und zu innenpolitischen Propagandazwecken beschworen wird, nämlich die „Nation“. Wie also ist sie beschaffen, die Seele der polnischen Nation?
Einen Tag nach der Katastrophe telefonierte ich mit Freunden, die in einer Kleinstadt bei Warschau wohnen. Es war gerade Sonntag Mittag, und ich erwischte genau den Moment der beiden landesweiten Schweigeminuten. Meine Freunde standen am offenen Küchenfenster und lauschten einer fernen Musik. Dann erkannten wir die Melodie. Es war das berühmte Hejnal-Trompetensignal, das zu jeder vollen Stunde vom Turm der Krakauer Marienkirche gespielt wird, zur Erinnerung an die Belagerung der Stadt durch die Mongolen im Jahr 1241. Hier in der masowischen Kleinstadt wurde es an diesem Sonntag nicht ganz lupenrein von einem Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr geblasen, und dank der kleinstädtischen Sonntagsstille hörte ich die Trompete sehr deutlich im Telefon.
Vergleichbares ereignete sich zuletzt vor exakt fünf Jahren, beim Tod von Johannes Paul II. Auch damals war das Land im Ausnahmezustand, läuteten Glocken, wurden spontane Straßenmessen abgehalten, Tausende ewiger Lämpchen angezündet, und die vierspurige Johannes-Paul-Allee in Warschau verwandelte sich innerhalb weniger Tage in ein Blumenmeer.


