Eurocity-Notizen

Im Speisewagen des Eurocity: Die herrliche Strecke zwischen Warschau und Berlin, wo man auf dem Bahndamm sechs Meter über der Wirklichkeit entlang schwebt, wie bei einem Hubschrauber-Tiefflug.

Im Speisewagen des Eurocity-Zugs von Warschau nach Berlin unterhalte ich mich mit einer Polin, die seit sieben Jahren in Frankfurt am Main lebt. Sie war mit einem Deutschen verheiratet, mit dem es sich aber nicht mehr aushalten ließ. „Er war so unsensibel. Einmal hatten wir Besuch von meinem Bruder aus Polen, den ich lange nicht gesehen hatte. Mein Mann kam abends von der Arbeit zurück, setzte sich gar nicht zu uns, sondern sagte, dass er müde sei und sofort schlafen müsse. Er ging nach oben ins Schlafzimmer. Wir hatten eine Wohnung von 180 Quadratmetern. Mein Bruder und ich unterhielten uns unten im Wohnzimmer. Plötzlich kam mein Mann mit Bettzeug unterm Arm die Treppe runter und sagte, dass er unser lautes Gequatsche nicht mehr aushalte und jetzt ins Auto umziehe, um dort in Ruhe zu schlafen.“ Die Erinnerung an den Vorfall macht die lieb lächelnde Frau immer noch wütend.

Nach der Ankunft am Berliner Hauptbahnhof ist das erste, was ich sehe, eine deutsche Mutter, die sich wütend zu ihrem Kleinkind hinunterbeugt und es heftig am Handgelenk zieht: „Ich hab dir gesagt, du sollst hier auf mich warten!“ Im Bahnhof Friedrichstraße dann die nächste Szene mit ähnlichen Hauptdarstellern. Dieses Mal giftet die Mutter ihr Kind an: „Guck mich an! Ich habe dir gesagt, du sollst mich angucken!“ Habe so etwas in Polen noch nie gesehen, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit.

Nach einem Auftritt irgendwo in Norddeutschland kommt ein etwa sechzigjähriger Deutscher auf mich zu, um sich sein Exemplar von „Vita Classica“ signieren zu lassen. „Ich war vor einigen Monaten in Malbork, um mir die Burg anzugucken“, erzählt er. „Und plötzlich wurde mir schwindlig, und ich wurde mit Verdacht auf Herzinfarkt ins örtliche Krankenhaus eingeliefert. Eine Woche lag ich da, es war die Hölle. Ich lag in einem Fünfbett-Zimmer. Die polnische Ärztin sprach angeblich weder Deutsch noch Englisch. Jeden Morgen, wenn sie zur Visite kam, sind meine Bettnachbarn ängstlich aus dem Bett gesprungen, haben sich neben ihren Betten stramm aufgestellt und mucksmäuschenstill gewartet, was die Ärztin sagte. Bei der Visite hat sie immer nur mit einer Krankenschwester gesprochen, niemals mit den Patienten direkt. Als sich am Ende der Woche herausstellte, dass es kein Herzinfarkt war, hat die Ärztin bei der Entlassung zu mir plötzlich in perfektem Deutsch gesagt: ‚Sehen Sie, war doch nicht so schlimm!’ Ich hätte sie am liebsten angezeigt.“
Er will aber trotzdem noch mal Urlaub in Polen machen.

Ein Pole, der in Deutschland lebt, schreibt mir eine nette Mail. Als ich  zurückschreibe, schreibt er innerhalb von fünf Minuten: „Lieben Dank fuer Deine Antwort! Das hat mich immer verbluefft bei den Deutschen - man bekommt immer eine Antwort, egal welchen Inhaltes, und das auch noch schnell ;)“

Ein Warschauer Taxifahrer schwärmt von den deutschen Autobahnen. Wie diszipliniert und ruhig sie da alle fahren! Jeder polnische Fahrlehrer sollte dort seine Ausbildung machen, dann gäbe es bald auch in Polen eine höhere Fahrkultur! – Kurz danach prahlt er, dass er vor kurzem einen Kunden von Warschau nach Paris chauffiert habe, und zwar in zehn Stunden. Ich frage ungläubig: „In nur zehn Stunden? Sie meinen vermutlich: von Warschau nach Berlin?“ – „Nein“, korrigiert mich der Fahrer stolz, „zehn Stunden von Warschau nach Paris. Bis zur deutschen Grenze in sechs Stunden – und dann über die deutschen und französischen Autobahnen mit permanent 230 km/h bis nach Paris.“

Die seit zehn Jahren in Berlin lebende Polin M. erzählt, dass sie Deutschland heute möge, obwohl sie sich erst einmal an den omnipräsenten Geiz gewöhnen musste. Ihre erste Konfrontation damit hat sie genau im Gedächtnis. Als sie mit 16 Jahren zu einem einjährigen Schulaustausch nach Deutschland kam, wohnte sie bei einer deutschen Gastfamilie im Raum Hannover. Am ersten Abend fragte der deutsche Hausvater: „Sag mal, wie viele Brötchen isst du morgens?“ – Schüchtern sagte sie: „Naja - eins.“ Daraufhin ging er ans Telefon, rief seinen örtlichen Bäcker an und sagte: „Ja, hallo, ich rufe an wegen unserem Brötchen-Abonnement. Wir hätten gerne ab heute ein Jahr lang jeden Morgen ein Brötchen mehr!“

Im Einkaufszentrum „Złote Tarasy/Goldene Terrassen“ in Warschau probiere ich im ZARA-Laden einen Pullover an; er passt nicht, ich lege ihn zurück auf den Wühltisch. Gleich nach mir greift ein älterer Mann nach dem Pullover, der mit seiner blauen Wollmütze ein bisschen wie ein Matrose aussieht. „Können Sie ruhig anprobieren“, sage ich locker, „mir passt er ja nicht.“ Aber auch der kleine Mann versucht ohne Erfolg, sich den engen Pullover überzustreifen. „Mir passt er ebenfalls nicht“, sagt er. „Aber der jungen Dame da würde er passen.“ Damit zeigt er schelmisch auf eine junge Verkäuferin, die uns die ganze Zeit zugeschaut hat. Sie grinst verlegen. „Würde mir nicht stehen“, sagt sie. „Ist doch ein Herren-Pullover!“ „Doch, doch!“ ruft er eifrig. „Ihnen würde einfach alles stehen!“.

Weihnachtszeit im total überfüllten Eurocity von Berlin nach Warschau. Eine Bekannte aus Berlin berichtet mir per Mail das folgende Erlebnis: Sie saß mit acht Leuten im Abteil, es war sechs Uhr morgens, und die Heizung in diesem Waggon ließ stark zu wünschen übrig. Die Passagiere bibberten vor Kälte. Neben ihr saß eine junge Polin, deren chilenische Mutter nach dem Pinochet-Putsch 1973 nach Ostberlin gekommen war, dort einen Polen kennengelernt hatte und um seinetwillen nach Warschau gezogen war. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählte die junge Betweenerin ihren Mitpassagieren anschaulich, welche Probleme sie beim letzten Weihnachtsfest damit hatte, für den Heiligabend-Schmaus drei lebende Karpfen zu töten: "Próbowalam wszystko, młotkiem, rękami... aż w końcu wsadziłam je do zamrażalnika, żeby zamarzły, ale one się nadal ruszały!" (Ich habe alles versucht, mit einem Hammer, mit den Händen – und am Ende habe ich sie in die Gefriertruhe gesteckt, damit sie dort erfrieren, aber sie haben sich weiter bewegt!“) Kurz hinter Rzepin wurde es wirklich kalt. Die Deutschen schimpften, sie hätten den Fahrpreis nicht dafür gezahlt, hier jetzt eingeklemmt mit viel zu vielen Leuten sitzen zu müssen, die Polen zuckten nur mit den Schultern: „Truuuuudno.“ (C’est la vie). Irgendwann ging die Heizung im Waggon endlich wieder an, man konnte von den Schößen der übrigen Passagiere herunterklettern. Statt einer Entschuldigung erklärte die polnische Schaffnerin, sie könne schließlich nichts dafür, wenn die Deutschen ihr im Berliner Bahnbetriebswerk einen kaputten Waggon ankoppelten.

Ein polnischer Bekannter, der gerade in Deutschland zu Besuch ist, klagt über die langen Renovierungszeiten in Polen. Er erzählt, dass seine Eltern zehn Jahre lang ihren Dachboden ausgebaut hätten. Es habe nicht etwa deswegen so lange gedauert, weil Baustoffe fehlten, so wie früher im Kommunismus, sondern weil der Vater kein Vertrauen zu fremden Handwerkern besaß. Er wollte es partout selber machen, verlor aber bald die Lust und investierte das für die Renovierung bestimmte Geld eines Tages plötzlich in ein Motorrad. Es kostete ihn zwei Jahre, bis er wieder genug Geld für die Fortsetzung des Dacharbeiten gesammelt hatte, weitere zwei Jahre, bis er sich zum Weitermachen motivieren konnte.

Wunderbar, dass es in Polen keine Mittagspause gibt. Sofort habe ich ein Gefühl von Freiheit. Ich kann staubsaugen, Musik hören, rumschreien.

Eine Polin, die nach einem Jahr in Mannheim zurück nach Warschau reiste, erzählte mir: Wer sich einmal an die ruhig surrenden deutschen Straßenbahnen gewöhnt habe, falle beim abrupten Anfahren einer Warschauer Straßenbahn einfach um.

Im Eurocity: Sobald der Zug deutsches Gebiet erreicht, beobachte ich so manche charmante Polin im Gespräch mit dem deutschen Schaffner. Es ist ein peinigender Anblick, wenn er mit ihr „sachlich“ redet. In ihrem Gesicht steht dann herbe Kränkung, weil sie diese deutsche Sachlichkeit als feindlich empfindet: „Er mag mich nicht.“ In Polen gibt es diese Art von Sachlichkeit eigentlich nicht, es dominiert stattdessen eine künstliche Sachlichkeit, die über das Privat übergeworfen wird, eine Sach-Maske, zu studieren etwa an den Zollbeamtinnen, die auf dem Warschauer Flughafen die Gepäck-Fließbänder kontrollieren. Das kleinste Wort eines schäkernden Kollegen genügt - und die Sachmaske fliegt ihnen weg. Sie lachen und knuffen den Kollegen in die Schulter.

Vom Zug aus gesehen: In polnischen Kleinstadt-Parks sieht man viel öfter Jung und Alt zusammen herumlaufen – und zwar nicht nur deshalb, weil die Familien noch intakter sind, sondern weil die Altersgruppen noch mehr miteinander reden. Die Jungen haben Respekt vor den Alten, weil diese den unmenschlichen Kommunismus durchgestanden haben; die Alten haben Respekt vor den Jungen, weil diese sich im Kapitalismus viel schneller zurechtfinden.

Im Eurocity unterhalte ich mich mit einer Polin, die jeden Monat mehrmals von Berlin nach Posen fährt. Sie klagt, dass die Deutschen anderen Menschen gegenüber so gleichgültig seien. Höflich auf der Straße und in der Arbeit, ja - aber sobald sich die Türe schließt, schmeiße der Deutsche sich vor seinen Fernseher: „Lasst mich doch alle in Ruhe.“ Anfangs habe sie diese Kälte auf sich selbst bezogen, bald aber bemerkt, dass die Deutschen auch ihren eigenen Landsleuten gegenüber so abweisend seien. In Polen gingen die Menschen doch viel herzlicher miteinander um, besuchten sich öfter, öffneten dabei die Kühlschränke und die Herzen. – Ich halte dagegen: Meine Warschauer Nachbarn gehen im Treppenhaus auch nach zehn Jahren noch gleichgültig an mir vorüber. – Sie: Das liegt nur daran, dass sie Angst vor Ihnen haben, weil Sie ein Promi sind. – Ich: Nein, so war es schon früher, als ich noch unbekannt war. In Deutschland grüßen sich Nachbarn doch viel eher! – Eine junge Frau mischt sich ein und findet einen Kompromiß: Beide hätten wir Recht. Pan Steffen habe seine schlechten Erfahrungen nicht umsonst in Warschau gemacht. Die Hauptstädter - das seien freche Leute! Sie als Posenerin müsse sagen, dass sie sich auch heute, nach sieben Jahren in Warschau, noch immer nicht akklimatisiert habe!

Im Eurocity-Speisewagen: Ein älteres polnisches Ehepaar fährt mit einem Amerikaner herum, zeigt ihm in herzlichen Worten und schlechtem Englisch die Schönheiten Polens. Er ist ihr Gast, und sie betrachten es als ihre Pflicht, das Gespräch während dreier Bahn-Stunden ununterbrochen am Laufen zu halten (würde ein Deutscher sich so um seinen Gast kümmern?). Der Amerikaner ist müde, macht gelegentlich ein paar Bemerkungen über seine Lieblings-TV-Comedy aus Colorado, merkt aber, dass er nicht verstanden wird, also gibt er es auf und hört geduldig zu, was das ältere Ehepaar ihm über den Unterschied von Ost- und Westpolen erzählen möchte.

Am interessantesten sind im Ausland natürlich diejenigen Menschentypen, die es im eigenen Land nicht gibt. So eine Gruppe sind in Polen die durch die Felder neben den Bahngleisen streifenden „Menele“/Trinkermännlein. Es sind keine direkten Landstreicher, sondern ausgestoßene Unglückliche, die kein Geld für eine Entzugs-Therapie haben, sich aber eine Rest-Scham bewahrt haben und dem Trunk deshalb nur in der Einsamkeit der Gleis-Landschaften frönen.

Auf dem Posener Bahnhof: Eine weinende Mutter verabschiedet ihre Tochter, die nach Berlin fährt. Sie wischt sich mit dem Taschentuch die Augen – ich habe so etwas in Deutschland schon ewig nicht mehr gesehen. Die Szene ist aber keineswegs gefühlsduselig, sondern kontrolliert.

Auf dem desolaten Bahnhof von Kutno stehen im abendlichen Regenwetter zwei schwarzgekleidete Bahnpolizisten auf dem Bahnsteig, sogenannte SOKisten (Straż Ochrony Kolei). Sie wandeln sehr langsam und lustlos an den Waggons entlang, reiben sich unter den schwarzen Mützen müde die Stirnen. Hinter ihrem Rücken pendelt der Gummiprügel. Als der Zug sich wieder in Bewegung setzt, schauen sie ihm finster-leer hinterher.

Alle diese winzig kleinen Beobachtungen sind doch nur interessant, weil sie sich keine dreihundert Kilometer östlich von Berlin abspielen. So nah und doch so fern. In Japan oder Kasachstan kämen mir solche Alltagsbeobachtungen wie Zeitverschwendung vor. Ich würde mich konzentrieren auf die exotischen Tempel, gefährlichen Tiger und bunten Gewänder. Polen ist für einen Deutschen exotischer als Holland oder Portugal, sozusagen die zweite Stufe der Exotik, Aufwärmtraining für Anfänger-Globetrotter, die später mal eine wirklich große Reise tun wollen.   

Aus der Mail einer energischen jungen Polin an mich:
Eigentlich vergleiche ich Deutschland und Polen nicht oft. Eines Tages aber saß ich in einem malerischen Städtchen am Rhein auf einer Bank, in Remagen. Plötzlich sah ich einen kleinen Jungen auf einem Roller. Daran wäre nichts Ungewöhnliches gewesen, wenn der Junge nicht in hohem Tempo auf einen Kanaldeckel zu gefahren wäre, ohne auch nur die mindeste Angst davor zu haben. Genau diese Kanaldeckel waren für mich in Polen immer der blanke Horror gewesen, und zwar weil die Stäbe in Fahrtrichtung lagen, so dass man immer wieder mit den Reifen des Rollers hängenblieb. Der kleine Junge in Remagen aber hatte keine Angst, weil die Stäbe quer zur Fahrtrichtung lagen. Eine absolute Kleinigkeit, aber welche Erleichterung. Und genau diese Einstellung herrscht hier in Deutschland (abgesehen natürlich von dem bis nach Polen gedrungenen Grundsatz „Ordnung muss sein“): Alles muss einfach, nützlich und lebenserleichternd sein.

Die durchschnittliche Arbeitszeit der 27 EU-Mitgliedstaaten liegt der Studie zufolge bei 40,4 Tagen pro Woche.
1. 41,8 Rumänien
2. 41,7 Tschechien und Polen:
3. 41,6 Österreich
4. 41,5 Bulgarien
5. 41,2 Deutschland.
Letzter Platz: 38, 4 Frankreich
(Quelle: focus.de)

Als ich J. erzähle, dass ich in den Sommerferien von der Deutschen Bahn einen Gutschein über 80 Euro bekommen habe, weil im Zug von Mailand nach München ein alter Sechsbetten-Liegewagen statt eines neuen Zweibett-Liegewagens eingesetzt war, lacht er sarkastisch und erzählt: Im Gebirgsort Zakopane habe er kürzlich auf dem Bahnsteig gestanden und folgende Durchsage ertragen müssen: „Der D-Zug ‚Witkacy’ von Zakopane nach Gdynia ist sieben Stunden verspätet. Die Verspätung kann sich noch vergrößern.” Alles, was die Passagiere als Entschädigung bekamen, war der Satz: „Za opóżnienie pasazerów serdecznie przepraszamy.“ (Für die Verspätung bitten wir unsere Passagiere herzlich um Entschuldigung!)

Kurze eigene Beobachtungen bitte an: betweener@steffen.pl