Elf Thesen aus "Vita Classica"
i Es stimmt: Elternhaus, Schule und Instrumentalunterricht müssen die Voraussetzungen für die Liebe zur Klassik schaffen. Niemand, der bis zum 20.Lebensjahr keine Klassik gehört hat, wird diese Musik später noch lieben können. Doch 90 % aller Jugendlichen, bei denen alle Voraussetzungen erfüllt waren, werden trotzdem nicht zu Klassik-Fans. Die wahren Gründe für die Vorliebe für einen bestimmten Musik-Stil sind nämlich vielschichtiger als allgemein vermutet. Sie liegen nicht in Genen und Erziehung, sondern in Mode, emotionaler Intelligenz und vor allem Charakter.
ii Nach meiner höchst subjektiven Beobachtung haben besonders altkluge Kinder eine besonders starke Veranlagung zum späteren Klassik-Fan.
iii Weg mit dem Klischee vom Klassik-Fan als Streber, Brillenträger und Muttersöhnchen. Man kann Klassik lieben und trotzdem ein guter Fußballer sein. Fanatische Klassik-Fans ordnen ihr Leben genauso der Musik unter wie die härtesten Pilger des Wackener Heavy-Metal-Festivals.
iv Weg mit der Assoziation „Klassik=Bildungsmuff“. Klassik ist Musik für jedermann und keine elitäre Lebensform. Wer sich an den verstaubten Gebräuchen der Konzerte stört, soll zu Hause CDs hören. Klassik ist nicht auf den Traditions-Ballast des 19.Jahrhunderts angewiesen. Als Beweis sollten Konzerte noch viel häufiger als bisher an unbürgerlichen Veranstaltungsorten stattfinden, z.B. in Techno-Klubs oder Industrie-Komplexen. In den Stadthallen und Philharmonien sollten die bürgerlichen Konzert-Rituale (wie Frack, Podium, Schweigen usw.) respektlos aufgebrochen werden. Lasst Bruckner von einem Haufen Nackter spielen.
v Klassik darf nicht mehr mit „Vergangenheit“ assoziiert werden. Sie ist kein Überbleibsel aus Omas Zeiten, sondern eine überzeitliche Kunst und passt deshalb problemlos zur Pop/Rock-Musik des 21.Jahrhundert. Um das zu betonen, sollten klassische Werke im Schul- Unterricht oder Konzertprogramm nicht mehr als „Klassik“ vorgestellt, sondern in neue Schubladen gesteckt werden, z.B. geordnet nach dem Temperament des Komponisten. Dann gehört plötzlich Bach mit Coldplay in eine Gruppe, während Beethoven zu den Rolling Stones passt.
vi Klassik-Fans sind erstaunlich wenig auf die Technik angewiesen. Entgegen einem landläufigen Vorurteil ist der Klassik-Fan nicht automatisch audiophil. Paradoxerweise liegt ihm vielleicht sogar weniger an perfekter Audio-Technik als dem Rock-Fan. Seine „tote“ Musik ist in gewisser Weise sogar lebendiger als Pop- und Rock-Einspielungen. Während der Pink Floyd-Fan dem einzigen existierenden Album von „Meddle“ ausgeliefert ist, genießt der Klassik-Fan das Privileg, dass ständig neue Einspielungen seiner Lieblingswerke produziert werden. Er kann also ständig hoffen, dass diese Werke in Kürze von einem neuen Dirigenten noch besser interpretiert werden. Die Beatles werden ihre CDs aber nie wieder neu aufnehmen, also kann man allenfalls bessere Boxen anschaffen, um eine Hör-Abwechslung zu erreichen. Die Diskussionen der Beatles-Fans konzentrieren sich schon seit Jahrzehnten nur noch auf technische Verfeinerungen der alten Aufnahmen, während der Klassik-Fan das Glück hat, über inhaltliche Veränderungen reden zu können.