przełącz na polskiSteffen Möllerich bin Klassik-Fan

Elf Thesen aus "Vita Classica"

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vii   Man sollte sich von keinem Klassik-Liebhaber einreden lassen, dass man Klassik nur am Sonntag Abend hören darf, bei Kerzenschein und mit Weinglas in der Hand. Man kann sie auch als Alltags- und Hintergrundmusik hören, zum Kochen oder Lesen. Das verpönte Dauer-Hören führt sogar dazu, dass Klassik ihre verdammte Heiligkeit verliert; manch schwere Bruckner-Symphonie wird auch erst nach dem 57.Hören plötzlich ganz leicht.

viii   Der eigene Musikgeschmack ist wie ein alter Schulfreund, dem man ewig die Treue hält. Aber wer sagt, dass man nicht auch nach der Schulzeit noch nette Menschen treffen kann? Wir erwerben unseren Musikgeschmack zwischen dem 15. und 25.Lebensjahr, und es ist später schwer, ihn noch zu ändern. Trotzdem sollte man es rabiat versuchen. Mir selber ist es nur gelungen, indem ich in ein neues Land ausgewandert bin. Ohne Polen und mein komplett neues Umfeld wäre ich heute kein Pearl-Jam-Fan.

ix    Klassik an die Schulen! Keine Musikrichtung hat so viel kitschfreies Pathos wie die Klassik zu bieten. Klassik ist damit das ideale Gegengewicht zum pathosfreien Großstadt-Alltag, zur kitschigen TV-Banalität, zu den durchkommerzialisierten Internet-Links. Auch und gerade pubertierende Problemkinder spüren bei den Klängen einer Bruckner-Symphonie, dass hier der Ernstfall herrscht – ohne dass etwas verkauft werden soll.

 

x     Die lustigen Klassik-Popularisierer (wie z.B. Konrad Beikircher) und kommerziellen Klassik-Radio-Sender wollen das angeblich so unzeitgemäße Pathos der Klassik weichspülen. Sie betonen einseitig die harmlosen Stücke (Hummelflug, Kleine Nachtmusik) und verflachen Klassik so zur Kuschel-Lala und Verkehrsstau-Beruhigungs-Tablette. In Wahrheit unterschätzen sie die Rock-Fans. Niemand gibt 100 Euro für ein Coldplay-Konzert aus, weil er kuscheln oder lachen will.

xi    Natürlich verfügt auch die Rock-/Pop-Musik über ihr eigenes Pathos. Wir brauchen geschulte Pathos-Kundler, die für jeden Musik-Stil sein spezifisches Pathos herausarbeiten. Beispiel: Nach meiner laienhaften Vermutung liegt der Unterschied zwischem dem Pathos’ einer Bruckner-Symphonie und dem eines Pearl-Jam-Songs darin, dass Pearl Jam (und rhythmische Rockmusik generell) eher kollektives Pathos schafft, während Klassik eher eine Atmosphäre melancholischer Vereinzelung schafft. Rock-Fans recken ihre Arme im Rhythmus und fühlen dabei voller Wonne ihre Masse, während Klassik-Fans in den Momenten höchster Ergriffenheit den Kopf in die Hand stützen und sich heroisch allein vorkommen.  

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