"Vita Classica" - Interview
Frage: Brauchen wir wirklich noch ein Buch über Mozart und Beethoven? Was bieten Sie uns Neues?
Möller: Das Buch ist ja nur zur Hälfte ein Sachbuch. Vor allem ist es ein Outing, ein höchst persönliches Bekenntnis zur Klassik – nach 25 Jahren Heuchelei.
Ich möchte der Öffentlichkeit Mitteilung machen von einer immer noch schikanierten Randgruppe: Uns armen Klassik-Fans. Wir gelten seit der Schulzeit als Volldeppen und tun deshalb irgendwann so, als wären wir gesellschaftlich voll integrierte Madonna- oder Grönemeyer-Fans. Wir werden zu Schauspielern.
Frage: Outing? Weil Sie Klassik hören? Wo liegt denn da der Skandal? Von den sektschlürfenden Herrschaften der Bayreuther Wagner-Festspiele wird da ganz sicher niemand die Nase rümpfen.
Möller: Wenn man aber nicht in Bayreuth, sondern in Wuppertal aufgewachsen ist, wird es doch etwas skandalöser. Wissen Sie, wann dort der letzte vernünftige Klassik-Plattenladen geschlossen wurde? Es war 1987, also vor fast einer Generation. Der letzte Tag des Räumungsverkaufs war übrigens auch der Tag, an dem ich meine drei ersten Klassik-CDs gekauft habe – sie wurden zum halben Preis verschleudert. Bis dahin hatte ich dort nur traditionelle Vinyl-Platten gekauft. Der Verkäufer, mein großer Mentor, nannte mich immer „einen seiner drei Kunden unter sechzig“. Er musste sich anschließend eine Arbeit in Düsseldorf suchen.
Frage: Waren Sie also so eine Art Wunderkind?
Möller: Überhaupt nicht, allenfalls altklug. Ich hatte zwar Klavierunterricht, aber nur vier talentlose Jahre lang. Dann habe ich meinen Vater angebettelt, wieder aufhören zu dürfen. Nur weil man Klavier spielt, ist man noch kein Beethoven-Fan. Bekanntlich sind ja auch nicht alle Führerscheinbesitzer automatisch Formel-1-Fans. An den Bach-Kantaten meines Theologen-Vaters kann es auch nicht gelegen haben.
Gucken Sie sich bitte als Beweis meinen Bruder an: Der fing ebenfalls bei ABBA an, kam dann aber zu Phil Collins, entwickelte sich weiter zu Aerosmith und Guns N’Roses und steht heute wieder bei ABBA.
Frage: Immerhin konsequent. Und wie lief es bei Ihnen?
Möller: Die Wende kam an meinem 13. Geburtstag. Da kaufte mir meine Mutter im Wuppertaler Hertie eine Kassette von ABBA, die auf meinem Wunschzettel stand. Weil es aber gerade ein günstiges Dreierpack-Angebot gab, kaufte sie auch noch Händels Feuerwerksmusikund Beethovens 5. Symphonie.