"Vita Classica" - Interview
Frage: Haben Sie tatsächlich bei den Klassenfahrten immer Beethoven gehört?
Möller: Ja, schön leise und vorsichtig auf dem Walkman. Meine lieben Kameraden, allesamt Police-Fans, hatten ja das Monopol im Bus. Ein einziges Mal habe ich es versucht und dem Busfahrer die 1. Symphonie von Brahms aufgeschwatzt. Er legte sie tatsächlich ein. Bei den dröhnenden Akkorden am Anfang war noch Ruhe – einige Leute hielten das Ganze für einen unbekannten Iron-Maiden-Song. Dann aber wurde klar, dass hier Klassik lief. Um ein Haar wären die Busscheiben eingeschlagen worden. Der Busfahrer musste schnell wieder Police reinschieben.
Frage: Sie erzählen auch von Ihren Begegnungen mit Harald Schmidt und Stefan Raab. Sind das etwa auch Klassik-Fans?
Möller: Ja, aber sie verstecken es. Ich war 2003 Show-Gast und hatte gehofft, anschließend mit Harald Schmidt ein bisschen über Klassik fachsimpeln zu können. Er hat ja den C-Schein für Kirchenorganisten. Ich hatte ihm sogar eine tolle Beethoven-CD aus Polen mitgebracht. Leider endete das Ganze in einem Fiasko. Viel besser lief es bei Stefan Raab. Da geriet ich sogar in die heißeste Diskussion über Klassik und Unterhaltungsmusik hinein, die ich je erlebt habe.
Frage: Warum ist es überhaupt so wichtig, welche Musik man hört? Muss man darüber fast 500 Seiten schreiben?
Möller: 500 Seiten sind noch viel zu wenig! Musik ist doch die letzte Religion des Abendlandes. Wenn unsere Großeltern sich beim ersten Rendezvous noch die Frage stellten: „Bist du Protestant oder Katholik?“, so lautet heute die Frage: „Was hörst du - Soul oder Reggae, Beethoven oder Bohlen?“ Da geht es um alles, um Lebensgefühl, Kleidermode, Sexualität. Helden wie Bob Marley, Tupac oder Madonna sind Ikonen, die man ohne weiteres mit Luther, Calvin oder dem Mormonen-Propheten Joseph Smith vergleichen kann.
Frage: Was ist denn Ihr nächstes Projekt? Haben Sie außer Polen und Klassik noch ein drittes Hobby?
Möller: Oja, zum Glück sind da noch ein paar private Passionen. Aber viel Zeit, um darüber zu schreiben, bleibt mir nicht dafür. Vergessen Sie bitte nicht, dass im Jahr 2012 voraussichtlich mehr als 100 000 Deutsche zur Fußball-EM nach Polen fahren werden. Diesen Fans schlottern doch jetzt schon die Knie. Die wollen eine solide Überlebenshilfe in die Hand bekommen. Deswegen plane ich schon jetzt das Buch „Viva Polonia II – als deutscher Fußballfan in Polen“.
Die Fragen stellte Steffen Möller